Barock aus dem Herzen Europas
Temmingh überzeugte im Maschinensaal der Druck- und Verlagsgesellschaft

Zu Gast im Maschinensaal der Marienberger Druck- und Verlagsgesellschaft: Stefan Temmingh intonierte auf der Blockflöte Barockliteratur aus dem Herzen Mitteleuropas, begleitet von Olga Watts am Cembalo.

Blumen für einen gelungenen Abend: Manfred Dittrich (li.) bedankt sich im Namen des Publikums bei Olga Watts und Stefan Temmingh für „Barock aus dem Herzen Europas“.
Marienberg. Sein Repertoire umfasst nahezu die komplette Originalliteratur der Barockzeit, er erhielt Engagements mit dem Ensemble Phoenix München, der Berliner Lautten Compagney, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und an der Bayerischen Staatsoper.
Stefan Temmingh gilt als Spezialist für Alte Musik und gehört dabei zur jungen Generation von Blockflötisten auf Weltniveau. Davon konnten sich die Gäste am Samstagabend des 24. Juli überzeugen als er, begleitet von Olga Watts am Cembalo, in Marienberg Barockliteratur aus den Epizentren Mitteldeutschlands intonierte. So ungewöhnlich wie sein Spiel auch der Aufführungsort, denn der 1978 in Kapstadt geborene und heute in München lebende Temmingh gastierte im Maschinensaal der Marienberger Druck- und Verlagsgesellschaft. Bereits im vergangenen Jahr gab es eine Theateraufführung an gleicher Stelle unter dem Dach des grenzüberschreitenden Festivals Mitte Europa, bei dem auch in 2010 die künstlerische Korrespondenz von Tradition und Moderne durch die Komponenten Industrie und Kultur ergänzt und gleichsam unterstrichen wurden. „Schwingungen“ lautete bis 8. August das Motto der 19. Festivalauflage - Schwingungen in unterschiedlichen Dimensionen, verschieden wahrgenommen und am Beispiel der Musik die zerbrechliche Linie als Vergänglichkeit des Augenblicks. Rund 90 Minuten dauerte er zwischen Druckmaschinen, Papierstapel und Schneideeinrichtungen, in denen Stefan Temmingh mehr als überzeugte, kraftvoll und elegant zugleich Kompositionen von Veracini, Telemann, Vivaldi und Bach vortrug und die klangliche Herausforderung, mit der Blockflöte Werke zu interpretieren, die eigentlich für Singstimmen geschrieben wurden, mit Begeisterung annahm. Besonders im ersten Teil des Konzertes spürten die Zuschauer das der Flöte eigene direkte Wechselspiel von Artikulation, Luftstrom und Fingern, bei dem jeder Hauch sofort spürbar einen Klang hervor bringt - und nicht zuletzt Erstaunen darüber auslöste, welch virtuose Vielfalt dem unscheinbaren Instrument zu entlocken ist.
Olga Watts ist eine viel gefragte Spezialistin für Generalbass und Kammermusik, als Cembalobegleiterin trat sie bereits beim Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig, beim ARD-Wettbewerb in München und bei dem Festival van Vlaanderen in Brügge auf.
In Marienberg leistete die in Moskau geboren Pianistin und Musikwissenschaftlerin mit ihrer einfühlsamen Begleitung einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Abends und hatte im zweiten Teil darüber hinaus Gelegenheit, im Solospiel einen Eindruck ihres Könnens zu vermitteln. Dabei handelte es sich um Johann Sebastian Bachs Ciaconna in einer Bearbeitung für Cembalo solo von Lars Ulrik Mortensen, die ihr viel Applaus einbrachte und mit Bravo-Rufen dem Abend ein wenig vom Flair großer Aufführungen verlieh.
Das Konzert in Marienberg war einer von mehr als 60 Beiträgen, in denen wieder hervorragende Persönlichkeiten der Kunst- und Kulturszene Europas und anderer Kontinente von Juni bis August zusammen fanden, um die malerische Festivalregion künstlerisch zu bereichern. Die „Brücke zwischen Tradition und Moderne - Industrie und Kultur“ präsentierte dabei inmitten von historischen und neuen Produktionsstätten Musik und Literatur.
Ivana Thomaschke, die gemeinsam mit ihrem Mann, Kammersänger Prof. Thomas Thomaschke, für die Gesamtkonzeption des Festivals verantwortlich zeichnet, zeigte sich von dem „...liebevoll vorbereiteten und perfekt durchgeführten...“ Konzert im Marienberger Drucksaal beeindruckt. Für Geschäftsführer Manfred Dittrich Grund genug, auch im kommenden Jahr das Jubiläumsfestival zu unterstützen. Und sicher werden sich auch viele der Konzertbesucher das Ereignis rechtzeitig vormerken.