30.09.11 14:37

In aufrichtiger Liebe zur Geradlinigkeit

Von: Matthias Degen

KunstKontor K2 im fünften Jahr: Skulpturen der Berliner Künstlerin Kerstin Vicent

Noch bis Ende Oktober sind im Seiffener Kunstkontor K2 Arbeiten von Kerstin Vicent (li.), hier im Gespräch mit Sonja Richter, Hobby-Malerin aus Großhartmannsdorf, zu sehen. Die Künstlerin absolvierte in Dresden ein Architekturstudium und ist heute als freiberufliche Architektin und Bildhauerin in Berlin tätig.

Seiffen. „Die gerade Linie ist gottlos und führt zum Untergang der Menschheit“, behauptete einst Friedensreich Hundertwasser und forderte 1958 in einem Manifest gar, sie in Zusammenhang mit rechten Winkeln zu verbieten.

Für den Wiener Künstler lag der Sinn dieser festen Überzeugung in der Architektur der frühen Nachkriegszeit, die in dem gelungenen Versuch, die Farben und den Formenreichtum der Natur einzufangen, gründete.

Die geraden Linien einer Kerstin Vicent sind da andere. „Ich liebe Geradlinigkeit, im Leben wie in der Kunst“, behauptet die Berliner Künstlerin von sich, und wer sie und ihre Skulpturen aus Buchenholz, Linde, Esche oder einheimischer Fichte erst einmal kennengelernt hat, glaubt ihr. Die Möglichkeit dazu gibt es in der Seiffener Galerie Kunstkontor K2, wo noch bis Ende Oktober 20 ihrer Arbeiten zu sehen und käuflich zu erwerben sind. „abstraktion trifft emotion“ zeigt Holzskulpturen, deren Hauptinhalt Beziehungen aller Art sind: die der Eltern zu ihren Kindern in „Endlich Ruhe?!“ oder „beschützt“, der Menschen untereinander bei „aufeinander zugehen“ oder zwischen Frau und Mann, festgehalten in „Einer trage des anderen Last“. Und es ist verblüffend, wie viel Emotion in der Abstraktion liegen kann, wenn bereits eine leicht geneigte Linie eine innere Befindlichkeit ausdrückt und so in der Lage ist, die Seele zu berühren. Und es ist noch immer „nur“ Holz, das die Künstlerin, 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und in Annaberg aufgewachsen, schon als Kind in all seinen Formen zum Verändern anregte.

Um die typisch erzgebirgische Schnitzerei hat sie freilich einen großen Bogen gemacht. Eine Landschaft und ihren weitverbreiteten Rohstoff auf eine künstlerisch fragwürdige Tradition zu beschränken, war ihr zu kurz gedacht. Vielmehr korrespondieren in ihren bildhauerischen Arbeiten Flächen und Linien auf das Wesentliche reduziert, verschiebt Abstraktion die Betonung von der äußeren Form auf einen geheimen inneren Gehalt, der dem Besucher bei näherem Betrachten nicht verborgen bleibt.

„abstraktion trifft emotion“ ist die inzwischen 26. Ausstellung in der kleinen Galerie und ihre Vernissage war dem Galeristen Karsten Bilz Anlass, einige Worte in eigener Sache an die Gäste zu richten, nicht ohne zuvor seinen Partner Karsten Lein ins rechte Licht zu rücken. Denn auf den Tag genau vor fünf Jahren eröffneten die beiden Wahldresdner ihre erste Ausstellung in dem denkmalgeschützten und fast 300 Jahre alten Haus im Herzen des Spielzeugdorfes. Seitdem haben rund 4.300 Gäste das Kunstkontor besucht, wurden Dank mütterlicher Backkunst mindestens 52 Ausstellungs-Kuchen angeschnitten, Kunst bewundert, diskutiert, kritisiert - und gekauft. Ganz bestimmt auch von so manchem Kunstliebhaber, der im ausgemachten Eldorado erzgebirgischer Volkskunst dieses galeristische Kleinod nicht erwartet hätte.